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Carl Ludwig Michelet: Vorlesungen über die Persönlichkeit Gottes und Unsterblichkeit der Seele oder die ewige Persönlichkeit des Geistes

1840

VORREDE

 

(III) Es ist der Philosophie öfters vorgeworfen worden, daß, wenn sie sich an die speculative Erörterung der Grundwahrheiten des Christentums begibt, sie dasselbe verdrehe, indem sie ihm willkürlich eine philosophische Bedeutung unterlege, die gar nicht darin enthalten sei. Wer will indessen über die Richtigkeit dieser Auslegung entscheiden? In der Tradition der katholischen Kirche existiert freilich neben dem Buchstaben des Christentums eine authentische Erklärung dieses Buchstabens. Wer innerhalb dieser Kirche ihre Auslegung nicht annimmt, ohnehin alle diejenigen, welche außerhalb derselben stehen, sind Ketzer. Im Protestantismus aber gibt es keine Ketzerei, aus dem einfachen Grunde, weil es keine authentische, durch die Kirche sanktionierte Auslegung der heiligen Schrift gibt.

 

[(1)Die überlegene Qualität der „alten“ Philosophie (und niemand wird heutigen- oder künftigentags die Philosophie der Hegelschen Schule zur modernen Philosophie zählen) zeigt sich auch daran, dass sie mit Worten und Sätzen anzufangen wusste, die ins Zentrum von Sache nicht nur zielen, sondern auch treffen. – In der Tat: wirft sich eine dritte Macht als Definitionsmacht (der Grundwahrheiten des Christentums) auf den Plan, muß sie mit den herkömmlichen – katholischen und protestantischen – in Konflikt geraten; denn diese beiden allein besaßen doch bisher (einstmals?) die einzige Legitimation für eine verbindliche Deutung jener Wahrheiten. Diese beiden werden daher jeder philosophischen Erörterung (insbesondere einer „speculativen“) ihrer Inhalte und Dogmen die Berechtigung absprechen, eine neue und abermals „authentische“ Definitionsarbeit zu leisten, denn woher soll jemand, der nicht im Stall der Theologie(n) geboren und aufgezogen wurde, auch nur anfangsweise wissen und erkennen können, worum es in der Sache geht? Theologie und Kirche scheinen die spekulative Anmaßung der (Religions)Philosophie legitimerweise und ohne Schwierigkeiten zurückweisen zu können. Doch weiß auch die christliche Theologie, dass sie ohne philosophisches Werkzeug, ohne Bezug auf philosophisch vordefinierte Kategorien, niemals Theologie gewesen, niemals Theologie sein konnte und sein kann. Von den ersten Konzilen angefangen, wurden deren Streitfragen (über die Grundwahrheiten des Christentums) immer durch unhintergehbare Rückgriffe auf Kategorien und deren philosophische Definitionen geklärt (oder vertagt), was ohne philosophisches „Erörtern“ ganz unmöglich gewesen wäre.

Michelets (und der Schule) Anspruch ist also konkret dieser: dass die „speculative“ Art der Erörterung eine neue Philosophie den Theologien (und Ämtern und Gemeinschaften) des aktuellen Christentums anbiete, womit sogleich die Kriteriums- und Legitimationsfrage ins Zentrum rückt. Denn ohne die Theologie zu fragen, ist die neue Philosophie jener Tage des frühen 19. Jahrhunderts mit ihrem neuen – spekulativen – Anspruch auf den Plan getreten. Also muß sie sich rechtfertigen über ihre Anmaßung, über ihre Kriterien, über die Axiome und Ergebnisse ihrer speculativen Erörterung der Grundwahrheiten des Christentums.

In der Reformationsepoche trat eine neue Art, die Grundwahrheiten zu definieren (und die Resultate dieser Definitionen geschichtsmächtig und kollektiv zu organisieren) in die Geschichte; 1519 und die Folgen; und auch dieser Anmaßung wohnte eine bestimmte neue Denkungsart inne, die zwar die Philosophie großteils verteufelte (Luther), dennoch aber zu Prämissen und Kategorien griff, die einer (auch) philosophischen Deutung unterworfen werden mussten, wenn sie in unausweichlichen Streit und Widerstreit gerieten. Das Schisma des Christentums kann seitdem nur mehr dadurch überboten (und versöhnt?) werden, dass gleichsam von außen, von der Philosophie her(?), eine dritte, eine neue Deutungsart in das christliche Geschichtsgeschehen eingreift, die das alte Schisma durch ein Nicht-Mehr-Schisma transzendiert. Es ist evident, dass dieses Geschehen in Zusammenhang mit dem ökumenischen Komplex gesehen werden muß.

Daß Authentizität nur als normierte möglich und wirklich, scheint ein Widerspruch; weil es im Katholizismus eine Tradition und ein Amt dieser Tradition gab, die den Buchstaben auslegte und in kanonisierte Sätze und Satzzusammenhänge überführte, folgt aber zwingend, dass nur das Normierte das Authentische sein konnte. Dieses vormoderne Paradigma unterscheidet sich vom modernen gleichsam wie Tag und Nacht oder wie Nacht und Tag. – Kann es eine Authentizität (Wahrheit) von und über Inhalte einer (aller?) Offenbarungsreligionen geben, die jenseits von Amt und Tradition, also auf dem Grunde von universaler („speculativer“) Vernunft, in Sätzen spricht, denen auch theologische Verbindlichkeit zukommen kann? Es versteht sich, dass dieser Hintergrund hinter jedem interreligiösen Dialog steht, obwohl dies von den aktuellen Religionsgemeinschaften, sofern es diesen überhaupt bewusst werden kann, in der Regel abgewiesen oder geleugnet wird. Es ist aber sinnlos, von der welt- und heilsgeschichtlichen Voraussetzung auszugehen, es könnte bis ans Ende der Menschheit ein Dauerregen von interreligiösen Dialogen zwischen „ewig“ dauernden Religionen das Programm von Welt- und Heilsgeschichte sein.]

 

(IV) An die Stelle der Festsetzung der Dogmen durch Kirchenversammlungen ist nämlich bei uns die Entwicklung und Ausbildung derselben durch freie wissenschaftliche Forschung getreten.

 

[(2)In jenen altgewordenen Tagen durfte die Philosophie sich noch (einmal) zur „wissenschaftlichen Forschung“ zählen, wovon sie heute Abstand nehmen muß, aus Gründen, die erhebliche genannt werden müssen. Michelet würde nicht wenig erstaunen, könnte er unter uns lebend erfahren, welche Wissenschaften und sich Wissenschaft nennende Weltanschauungen ab und nach dem 19. Jahrhundert alle christlichen Grundwahrheiten traktiert haben: Marxismus, Psychoanalyse, Soziologismen jeder nur möglichen Art, und am „Ende“ Naturalismen jeder nur möglichen Art, um vom Talk-Show-Journalismus unserer medialen Tage zu schweigen. Ist ein Zusammenhang zwischen jener spekulativen und diesen „wissenschaftlichen“ Deutungen und Neudefinitionen der christlichen Grundwahrheiten? Wenn nicht, warum nicht; wenn ja, welcher?]

 

Insofern diese verschiedenen, aus der Wissenschaft entsprungenen Interpretationen kirchlicher Lehren sich praktisch zu religiösen Überzeugungen gemacht haben, sind daraus die verschiedenen protestantischen Sekten hervorgegangen. Wenn nun zB die Eine die Einsetzungsworte des Abendmahles so verstehen darf, als sei in, mit und unter dem Brode und dem Weine Christi wirklicher Leib verborgen, eine andere in dieser Feier nur die geistige Gegenwart Christi, endlich eine dritte sogar nur die Erinnerung an eine vergangene Begebenheit sehen will: so hat die Philosophie, sich fern von aller Sektiererei haltend und lediglich auf dem Felde wissenschaftlicher Untersuchung versierend, doch gewiß das Recht, gleichfalls mit ihrer Auffassungsweise hervorzutreten; um so mehr, da es bei der Union aller Evangelischen ausdrücklich zugestanden wurde, daß man dennoch einem und demselben Kirchenverbande angehören könne, wie Verschiedenes man sich auch unter den christlichen Symbolen denke, indem auf diese Verschiedenheit ja eben gar keine Rücksicht genommen werden sollte.

 

[(3)Die spekulative Religionsphilosophie deutet sich als logischen und unmittelbaren Folgeerben dessen, was in der Freiheit der protestantischen Definitionsgeschichte der christlichen Inhalte Resultat geworden: eine Vielheit von Deutungen jedes einzelnen Inhaltes, und dass Michelet den zentralen des Abendmahls anführt, zeigt den Ernst der Lage an.

Wenn man sich unter einer Sache Verschiedenes denken kann, soll und muß – in dieser Reihenfolge, dann ist evident, dass die Sache in mehrere Sachen auseinandergegangen ist. Dies wird gewöhnlich als „Fruchtbarkeit“ der ersten und einen Sache gedeutet, in Kontrast zur Gegendeutung, die den Verlust der einen und gesicherten Wahrheit beklagt, ohne dass sie die Selbstteilung der Sache rückgängig machen könnte. Da aus „auseinandergegangenen“ Wahrheiten niemals eine neue Wahrheit entstehen kann, die doch mehr als ein Produkt, eine Summe, eine (äußerliche) Synthese der „auseinandergegangen“ sein müßte, um mehr als bloß eine äußerliche Arrangement-Neuheit zu sein, bedarf es eines wirklich neuen Prinzips, eines neuen Inhaltes und Geschehens, um das zerteilte Alte in ein völlig Neues zu transformieren und zu integrieren. – Keine Philosophie kann dies leisten, denn keine ist der Herr der Geschichte, – weder der Welt-, noch der Heilsgeschichte. Und dennoch kann Philosophie helfen, zu erkennen, was per se möglich, was unmöglich ist; obwohl damit, wie schon gesagt, die Möglichkeit neuer Wirklichkeit noch nicht inkludiert wird.

Im Übrigen verhielt und verhält sich die protestantische „Union“ zu ihren Richtungen analog zum modernen Rechtsstaat, der Freiheit der Religionen gewährt, sowohl für wie von diesen. Letzteres ist die radikale Konsequenz einer Deutungsfreiheit, die nach der Reformation durch die Entwicklung der Aufklärung fortgeführt wurde. Der lineare Fortschrittsprozeß, der hiermit vorzuliegen scheint, ist jedoch selbst ein Inhalt, der einer verbindlichen Deutung bedarf. Es darf nicht bei „darwinistischen“ Machtansprüchen als letztem Legitimationsgrund stehen geblieben werden. Weil sich im DIAMAT der Atheismus verbindlich durchgesetzt hatte, stand die Geltung dieser Weltanschauung gleichwohl in Frage und Ungewissheit.]

 

(V) Im Allgemeinen haben aber nicht nur die unterschiedenen Konfessionen, sondern jedes Jahrhundert das Christentum anders verstanden.

 

[(4)Also scheint „Hermeneutik“ der Weisheit letzter Schluß zu sein: entweder im Sinne einer jahrhundertjährlich neuen, gänzlich neuen Deutung des Christentums, oder einer nach einigen Jahrhunderten wieder zu einer schon gehabten Deutung zurückkehrend, oder auch noch das Wechselspiel von Mode ließe sich als „Modell“ einer Hermeneutik dieser Art herbeidenken. Es ist klar, dass der Islam angesichts solcher Konsequenzen von „Aufklärung“ (die noch das zu Deutende am Ende als inexistent wegdeuten kann) von der Überlegenheit seiner Position, die gewisse Inhalte und sogar den Buchstaben unter Deutungstabu stellt, überzeugt sein muß.

Aber die andere Version von „Hermeneutik“, derzufolge die Wahrheit eben dies ist, eine Wahrheitsgeschichte aus sich freizusetzen, die keineswegs bei der Antiaufklärung a là Nietzsche, Marx und Freud enden muß, ist eine höhere Auffassung von Wahrheit als jene, die von vorneherein gewisse Bestände, im Islam nicht wenige, unter Denk- und Sprachtabu stellt. – Was ist und soll sein: eine religiöse Moderne (der Zukunft)? Dies die Gretchenfrage an die Aufklärung auch heutiger Provenienz, und dass diese Frage meist nur ignoriert oder schwächlich erörtert wird, (siehe Rorty und Vattimo) ist kein Grund, sich von ihr zu verabschieden.]

Der Keim der Wahrheit, welcher vor 1800 Jahren in die Menschheit gestreut worden war, hat durch die Pflege der Wissenschaft sich zum fruchtbaren Baume ausgebildet. Vielleicht die Hälfte der christlichen Dogmen ist nur an sich in dem neuen Testament enthalten, und wurde erst durch die philosophierenden Kirchenväter zu entwickeltem Bewußtsein gebracht.

 

[(5)Enthält einen unausgesprochenen Hinweis auf die grandiose Dogmengeschichte von Ferdinand Christian Baur wie auf dessen theologisches Wirken insgesamt, etwa: Die christliche Lehre von der Versöhnung in ihrer geschichtlichen Entwickelung von der ältesten Zeit bis auf die neueste (Tübingen 1838), Die christliche Lehre von der Dreieinigkeit und Menschwerdung Gottes (Tübingen 1841-43, 3 Bände), Lehrbuch der christlichen Dogmengeschichte (Stuttgart 1847, 3. Auflage 1867), Vorlesungen über die christliche Dogmengeschichte (Leipzig 1865-67, 3 Bände).]

Haben sie nicht den lebendigen Geist aus dem todten Buchstaben herausgeschält, durch den Paraklet geleitet, der bei uns bleiben soll bis an der Welt Ende? Ist also auch die ganze Wahrheit schon in der Bibel angelegt, so ist das volle Bewußtsein, welches achtzehn Jahrhunderte über diesen Inhalt erlangt haben, doch wohl eine höhere Form, als die, worin er ursprünglich erschienen ist.

 

[(6)Wenn freilich der „höheren Form“ nicht auch ein „höherer Inhalt“ entspricht, dann bleibt der Begriff „Wahrheitsgeschichte“ problematisch. Michelets Vorlesungen selbst sind ein Beweis für diesen Satz: sie setzen eine Inhaltsentwicklung frei, eine höhere christliche Freiheit als die ursprünglich gemeinte, die gleichwohl von der ersten nicht soll getrennt bleiben. Die Schwierigkeiten in diesem (Negations)Prozeß waren und sind enorm, wie nicht zuletzt die blutig verlaufene Geschichte des Christentums beweist. Michelet hat hier nur den „theoretischen“ Aspekt der Sache im Auge.]

 

Es gibt somit eine buchstäbliche, es gibt ferner eine allegorische, es gibt endlich eine mystische Erklärung der Schrift.

 

[(7)Und diese Erklärungsarten teilten sich wiederum in weitere Unterarten; wovon sich jeder jederzeit durch einen Blick in die Schriften des Hochmittelalters überzeugen kann, welche diese Artenvielfalt zur Virtuosität einer völlig naiv und unschuldig verfahrenden Methode ausgebildet hatten, – etwa bei Tauler und Ekkehard.]  

 

Nichts Geringeres, als diese letztere, strebt die Philosophie nun an.

 

[(8)Als neue Mystik der Moderne? Oder als letztmögliche Erklärung überhaupt, weil nämlich die spekulative Vernunft den Anspruch erheben muß, die letztverbindliche Verfassung von Vernunft erkannt zu haben. Darin liegt jener Sprengstoff bereit, der diese Vorlesungen tangieren wird. Ein nicht nur philosophischer, nicht nur theologischer, sondern auch ein weltgeschichtlicher, weil die „Vernunftkompatibiltät“ der Religionen ihr entscheidendes Kriterium sein könnte, in der begonnenen „letzten“ Globalisierung (Vereinheitlichung der Menschheit) überleben beziehungsweise (die weniger kompatiblen) integrieren zu können.]

 

Nichts anderes will sie, als den Schleier der Mysterien des Christentums lüften, um die tiefste in demselben niedergelegte Wahrheit unverhüllt zu fördern.

 

[(9)Spricht deutlich aus, was Anmerkung 8 vermutete. Denn die tiefste und unverhüllte Wahrheit ist die ultimative; sie muß eben ob dieser ihrer Qualität die universal mitteilbare sein; und – vorausgesetzt dies ist der Fall – nichts kann ihren Siegeszug aufhalten, wenn dem der Fall sein sollte. Ist es der Fall?]

 

(VI) Zur Erkenntnis dieser Wahrheit gehört allerdings eine Weihe, und wenn der Philosoph, in diese Mysterien eingeweiht zu sein, die Prätension hat, so ist er allerdings ein Mystiker: jedoch nicht in dem Sinne, daß ihm die Dogmen in das mystische Dunkel des Glaubens eingehüllt geblieben wären; sondern so vielmehr, daß er in dem Spiegel dieser Mysterien die göttliche Wahrheit von Angesicht zu Angesicht zu schauen behauptet.

 

[(10)Ein Anspruch auf und von „Mystik“, der so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was man landläufig unter Mystik versteht. Immer leuchtet das Basisdogma der Schule durch: die absolute Vernunft sei der letzte Spiegel (das letzte Buch), in dem auch das Wahrheitsgeschehen der absoluten Religion (Christentum) absolut zu begreifen und auszusprechen sei. Somit, wenn der Fall, als ein sich vorbereitendes Geschenk an die (künftig vereinte) Menschheit.]

 

Diese mystische Bedeutung habe ich nun für zwei christliche Dogmen in den folgenden Vorlesungen zu entwickeln versucht.

 

[(11)Also wohlgemerkt: nur für zwei. – Wieder sind wir an Baur und die Nachfolger der spekulativen Deutung des Christentums verwiesen, – eine mittlerweile arg zerstreute Gemeinde, versteht sich, und ungewiß, ob in der Gegenwart die Diaspora derselben noch auffindbar ist. Aber sie könnte noch gebraucht werden, wenn es in der Auseinandersetzung mit dem Islam zu wirklichen, nicht bloß „kulturellen“ Dialogen kommen sollte; „Dialoge“, die mehr als Theologen-Geplauder sein werden, wenn es nämlich um wirkliche Entscheidungen und Machtfragen gehen wird.]

 

Diese Vorlesungen sind eine vollständige Begründung und Durchführung dessen, was ich zerstreut und gelegentlich teils in meiner „Geschichte der letzten Systeme der Philosophie“, teils in meiner „Anthropologie und Psychologie“ über diese Lehren nur andeutend hingeworfen habe.

 

[(12)Reprint bei Olms 1967 und bei Bruxelles, Culture et civilisation, 1968.]

 

Ich übergebe sie einem größeren Kreise, als für den sie ursprünglich bestimmt waren, um zur Förderung der Wahrheit, so viel in meinen Kräften steht, beizutragen; sie kann nur durch freie wissenschaftliche Untersuchung gewinnen. Inwieweit mir dies gelungen, entscheide das wissenschaftliche Publikum; ich wäre zufrieden, hätte ich auch nur zu weiterer Forschung angeregt.

 

[(13)Dies ist das genaue Gegenteil einer fatwa: das Gebot einer unabgeschlossenen oder unabschließbaren Wahrheitssuche, obwohl soeben noch von letzten und unverhüllten Findungen der Wahrheit (des Christentums) gesprochen wurde. Man könnte sagen: höchste Anmaßung (oder Gewissheit) und Demut (Bescheidenheit) reichen einander die Hände. Dies ist Ausdruck und Bekenntnis einer ganz anderen Art von „Schriftgelehrten“ als allen, die in vormodernen Kulturen möglich waren und sind.]

 

(VII) Jedoch beabsichtige ich mit meiner Schrift nicht bloß eine wissenschaftliche Deduktion. Ich will zugleich dem anfangs erwähnten Vorwurf begegnen, als ob die Philosophie nicht religiös sei, sondern von Gott abführe.

 

[(14)Die neue Mystik steht also nicht mehr gegen eine andere Konfession von Christentum, sie steht mit ihrem eigenen Rücken an der Wand des Atheismus. Eine unausgesprochene Distanzierung des linken Lagers der Schule (Feuerbauch und Nachfolger)]

 

Wenn ich als Protestant die Freiheit meiner Überzeugung mir bewahren muß, und Keinem das Recht eines Gewissensrichters über mich einräume, so wird der Leser hoffentlich warme Empfindung für Religion in meiner Schrift nicht vermissen; und wenn ich mir nicht anmaße, über die Christlichkeit oder Unchristlichkeit eines Individuums abzusprechen, so darf ich wohl von Andern erwarten, daß sie ebenfalls mit ihrem Verdammungsurteile zurückhalten.

 

[(15)Die Unausweichlichkeit von Toleranz in dieser (unserer) Extremlage ist evident: taumeln die Gründe und Abgründe, wankt jeder Boden unter uns, darf man keinem, der torkelt, vorschreiben wollen, wie er zu gehen habe. Ist ungewiß geworden, worin unsere Wahrheit und ob überhaupt eine sei, ungewiß, woher und wohin wir gehen, denkerlaubt, dass wir lediglich die Ausgeburt eines sinnlosen Nichts sind, dann ist in dieser Letzten Stunde alles Verdammen (Verfluchen, Ermorden) radikal unschicklich geworden.]

 

Ja, ich glaube sogar, in diesem Werk nicht nur die Religion auf den philosophischen Standpunkt zurückgeführt zu haben; solche Philosophie der religiösen Dogmen wäre mehr ein negatives Verfahren, wo an ihnen bloß getilgt wird, was lediglich der Form des vorstellenden Bewußtseins angehört.

 

[(16)Verweist nun ausdrücklich auf die vorhin angesprochene Problematik der Untrennbarkeit von Form und Inhalt. Wäre der Sinn der Höherentwicklung nur der, dass die Inhalte aus der Form des Vorstellen in die Form des Denkens „übersetzt“ werden, indes doch die Inhalte ganz dieselben bleiben könnten, dann lohnte sich die ganze Arbeit nicht, sie wäre nicht jenes „mystische“ Aufdecken der unverhüllten Wahrheit. – Ganz abgesehen davon, dass in der Konsequenz einer neuen „Fassung“ des Christentums (Fassung als Verfassung, als Umfassung undsofort – ein mehrdeutiges Wort) dieses selbst gleichfalls eine neue Verfassung und Verfasstheit erhalten müsste.]

Ich hoffe vielmehr, das innerhalb der Vernunfterkenntnis gewonnene Resultat wieder in eine religiöse Anschauungsweise umgesetzt zu haben.

 

[(17)Und religiöse Anschauung meint mehr als bloßes „Anschauen“, es meint das organisierbare Leben derer, die die neue Fassung verinnerlicht haben. – Man sieht das Problem Michelets: woher nimmt er das Recht zu einer neuen (Welt-Religions)Anschauung des Christentums? Ist seine „religiöse Anschauungsweise“ (ein nicht zufällig modulares Wort) mehr als eine private? Dann aber wäre auch die Vernunfterkenntnis, die ihr zugrunde liegt, keine verbindliche gewesen.]

Mir wenigstens ist es so, als habe ich hiermit nicht bloß philosophiert, sondern auch meine innerste religiöse Denkungsweise ausgesprochen.

 

[(18)Und niemand kann ihm dieses „wenigstens mir ist es so“ – eine moderne Variante von Luthers „Hier steh’ ich, ich kann nicht anders“ verwehren. – Die moderne Religionsfreiheit ist die höchste, die überhaupt denkbar ist; ob und wie sie lebbar ist, das muß sich erst noch zeigen.] (VIII) Dieser lebendige Glaube ist es, der mich beseligt; in diesem Glauben weiß ich mich mit dem göttlichen Wesen versöhnt, ein Glied am Leibe des Herrn, und ein Mitbürger des Geisterreiches. Hätte ich auch nur in Einem meiner Zuhörer oder Leser ähnliche Gefühle geweckt und den Funken der Religiosität in ihm angefacht, mein Zweck wäre vollkommen erreicht. [(19)Damit appelliert Michelet an eine unsichtbare Kirche derer, die zwar schon wissen, was kommen wird, nicht aber wissen, wie sie übereinander und ineinander Gewissheit über das Kommende gewinnen könnten.]

 

Berlin, den 16. Januar 1841.                           Michelet.