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13 Mythos – Kunst – Logos

(März 2002)

 

1.

 

Kunst kommt von Mythos; zuerst und zuletzt kommt Kunst von Mythos; dazwischen auch von Menschen, von Schönheit, von Nachahmung der Natur, von Genie, von Können, von Gesellschaft, von eigener Geschichte, von Unterhaltung und Markt; doch kommt Kunst von Mythos anders zuerst und anders zuletzt; darüber hat uns nicht zuletzt die Geschichte der Moderne belehrt; denn die technologischen Künste von Fotografie, Film, Video, elektroakustische Musik, computergenerierte Architektur, um nur diese der ständig sich erweiternden und vermischenden Technik-Palette zu nennen, kommen nicht von Mythos, sondern von wissenschaftlich realisiertem Logos.

Mythos – Kunst – Logos: soll ein philosophischer Reflexionsessay den aktuellen Stand dieser Jahrtausendbegriffe erörtern, müssen wir seine Plauderrolle im Niemandsland zwischen den wissenschaftlichen Diskursrollen des gegenwärtigen Denkens akzeptieren; lediglich in der umgänglichen Art eines modernen Hermes vermag er sich durch die Hemisphären unserer grenzenlos gewordenen Wissenswelten zu bewegen; und sein Geständnis, allein als sammelnder Begriffsdieb unterwegs zu sein, weil er alles, was er vorbringe, allen anderen – den Göttern von Mythos, Kunst und Wissen –   verdanke, ist nicht als einschmeichelnde Koketterie, sondern als unausweichliche Bescheidenheit zur Kenntnis zu nehmen.

 

2.

 

Nicht Götter und Teufel, nicht Engel und Dämonen handeln und denken in und mit uns, wenn wir, selbsternannt moderne Menschen genannt, in dieser unserer gegenwärtigen Welt mit- und gegeneinander, neben- und nacheinander handeln und denken. Dies ist das lebensermöglichende Vorurteil des säkularen Menschen in einer säkularen Welt; ein Vorurteil, das der Mensch des Mythos und der Religion nicht teilte und nicht teilt; weil sich aber die westliche Welt im epochalen Geschwindschritt aus einer neuen in eine moderne verwandelte, die sich seit dem 20. Jahrhundert als führende und Erste in der aktuellen Vielweltenwelt der gegenwärtigen Menschheit vorfindet, müssen wir Ersten dieses Schicksal unseres Entwicklungsprivilegs als Berufung und Auftrag erfüllen: die Zweiten und Dritten an die zivilisatorischen Globalisierungsbedingungen einer säkularen Weltdemokratie heranzuführen. Ist dies die Heraufkunft eines neuen Mythos oder die endgültige Verabschiedung jedes Mythos in die Geschichte?

Obwohl wir Ersten in der unübersehbaren Kette der Geschichte doch wiederum nur die späteste Art von Mensch sind und darstellen, ist die Prophezeiung Comtes, wir seien doch die Letzten, denn prinzipiell Klügere würden nach uns nicht mehr erscheinen, und daher sei auch der moderne Bruch mit aller vormodernen Geschichte der gewaltigste und gewalttätigste aller bisherigen gewesen, noch nicht vom Tisch der Selbstdeutungen aktueller Menschheit. Und es ist nicht zu leugnen, daß viele Verächter und Vergesser der bisherigen Menschheits(Vor-)Geschichte das Bild einer neuen Menschheit entwerfen, die ohne Mythos und Kunst, ohne Religion und Logos werde auskommen können und müssen. Denn der sich vollziehende oder schon vollzogene Verlust von Mythos, Religion, Kunst und Metaphysik führe in den Äon einer durch totale wissenschaftliche Aufklärung präparierten Menschheit, die sich als alles wissende wissen und durch entsprechendes allmächtiges Handeln vollständig neu und gänzlich anders als bisher organisieren werde. Und sie beginne soeben, sich erstmals als wirklich menschheitsfähige Menschheit zu erschaffen.

 

3.

 

Dem durchschnittlichen Zeitgenossen, der heute die aktuelle wissenschaftliche Aufklärung erlebt und ihre globalen Konsequenzen genießend ausführt und durchleidend vollstreckt, werden daher Mythos und Religion von Jahr zu Jahr unzugänglicher. Wohl ist der moderne Durchschnittsmensch ein rituelles Mitglied in den Gemeinden der Unterhaltungssender und ihrer Botschaften, um sein Leben als Hit und Serienheld zu feiern; Mitglied in den unzähligen Gemeinden aktueller Sportarenen, um sich am Sieg seiner Heroen selbst als Sieger zu erfahren; Mitglied in den Gemeinden seiner agonalen Berufswelten, um auf deren Schlachtfeld nicht unterzugehen; Mitglied in den Gemeinden der Bilder und Worte sprudelnden Informationsmedien, um sich als Dauerinformant auf dem Laufband einer sogenannten raschlebigen Zeit aufrecht zu erhalten; und auch noch Mitglied in langsam absterbenden großen Nationalstaaten, deren demokratische Verfassung und Lebenshaltung austauschbar wird; aber aus der Kontinuität jener Traditionen, die bisher den Mythos und die Religion und mittlerweile auch die traditionellen Künste der aktuellen Nachfolgegeneration überreichten, droht er heute wie ein unflügger Vogel vorzeitig aus dem Nest zu fallen.

Waren Mythos und Religion dem einfachen paganen Menschen der vormodernen Epochen unmittelbar zugänglich – und in den oral geführten Traditionen die stammesbeschränkte Grenze seines Welthorizontes – so hatte der erste Gebildete einer aus dem autochthonen Mythos heraustretenden Menschheit seine ersten selbstverliebten Zweifel am Ererbten. Weiter und sehenderen Auges herumgekommen als die meisten seiner meist nur dorf- oder polisansässigen Zeitgenossen, berichtet uns Herodot mit dem ironischen Ton des aufgeklärt Wissenden von afrikanischen Stämmen, die bei Schlechtwetter mit Pfeilen auf Wolken und Blitze schießen, um die bösen im Auftrag der guten Dämonen zu züchtigen; aber schon sein vermeintlich erläuternder Kommentar zu diesem Geschehen läßt durchblicken, daß der Urahn moderner Geschichtsschreibung seine eigene Mitgliedschaft in der mythogenen hellenischen Welt, deren Handlungs- und Denkhorizont eine lange göttergebundene Zeit von einem geschlossenen System hierarchisch organisierter Mythen umschlossen war, keineswegs gekündigt hat.

 

4.

 

Heute herrscht die umgestürzte Situation: einzig noch ein artifiziell hochgebildetes Bewußtsein vermag mythische und religiöse und mittlerweile auch künstlerische Traditionen wirklich zu verstehen oder gar an deren Teppich fortbildend anzuknüpfen, ohne auf das Niveau der Mythenverarbeitung von Hollywood und seiner weltweiten Nachahmer abzugleiten. Zwar sind noch die kühnsten Varianten moderner Biographien, auch jene der Opfer von Holocaust und Gulag sowie ihrer Häscher und Mörder zumindest vorstellungsästhetisch unter den Mythenkreis nicht nur der hellenischen Religion subsumierbar oder doch an diesen mit zwingendem Echo anklingend. Aber davon wissen heute mit zunehmendem Verschwinden die Wenigsten, weil davon wissen zu können, das Können eines Wissens voraussetzt, das mit dem ganz Anderen des mythisch Fremden und Vergangenen das ganz Eigene des säkular Heutigen nicht reflexionslos gleichsetzt, aber auch nicht ebenso reflexionslos als einander gleichgültige Fremdwelten gegeneinander absetzt, – als wäre das mythische Weltbewußtsein nicht unser Vorgänger- sondern das allotrische Zubehör eines Bewußtseins gewesen, das einst einen anderen Planeten bevölkerte. Heute lehren dieses Können von Wissen und Wissen von Können nicht einmal mehr oder immer noch nicht unsere sogenannten höheren Schulen, – mit jener Nachhaltigkeit nämlich nicht, die nötig wäre, um im Irrgarten der postmodernen Pluralisierung die einfachsten Grundorientierungen nicht zu verlieren. Mag sein, das DJ Ötzi der moderne Orpheus von morgen ist, den wir heute schon verdienen, aber seine glückbringende Besänftigung aktueller Ungeheuer im Bewußtsein des modernen Menschen ist selbst das gepeinigt-peinigende Ungeheuer, dessen Besänftigung nur mehr die schweigende Flucht aller entwichenen Götter und Musen an die Quellen einer universalen Stillung von Musik wird vollbringen können.

 

5.

 

Niemand möchte in der modernen Welt als approximativer Doppelgänger göttlicher oder dämonischer Wesen leben; auch nicht verwechselt und identisch werden mit den bedingungslos geliebten Heroen der Unterhaltungs- und Sporthimmel; und auch nicht zusammengepfercht leben am anderen Ort mit seinen Lieben oder Unlieben, die ihm in den Hades vorauseilten; aber dennoch und gerade deshalb läßt sich der moderne Mensch, in das Interregnum zweier Weltzeiten gefallen, aus dem Himmel weltverneuernder Wissenschaften eine stattliche Anzahl von Neudefinitionen seines wankenden Wesens andiktieren, die ihm die Identität eines neuen Menschen, der schon bald nicht länger der Zukunft hinterherhinken werde, garantieren sollen. Eine neue Identität, in deren Charakterentwürfen nichtharmonisierbare Nichtidentität zuhauf; denn die neuen übermenschlichen Wesenheiten, die uns nun von der Geburt bis zum Grabe leiten und begleiten sollen, stehen zueinander nicht mehr in zerstrittener Homogenität, wie einst die mythenseligen Götterstreite und –händel im Dienst selig-unselig sterblicher Menschen, sondern in einer babylonisch-sprachverwirrten und zerteilten Inhomogenität, als sollte die Gattung Mensch in verschiedene Arten, die jede selbst eine Gattung werden könnten, auseinander getötet werden.

Wie gern möchte der homo modernus glauben und auch leben können, sein Ich sei nichts als die Illusion seines Gehirns, sein Leben im Hier und Jetzt einer unsinnig langen Weltzeit das gewürfelte Endprodukt einer biologischen Evolution, – deren sinnlos übertreibende Zufallsspitze; sein Bewußtsein ein Ausbund eines kollektiv oder individuell fremdgehenden Unbewußtseins; sein Erbgut an Genen und Pathogenen die Mutter aller seiner Lebensschicksale; sein Sinnen und Wollen das Klassen-Produkt einer kulturellen Selbsterarbeitung in totaler Selbstverantwortung; sein genetisches Profil der günstig anzubietende Baukasten für therapeutisch herumzüchtende Biotechniken; sein eigentliches Wesen die Gesamtsumme aller seiner erlittenen und bestandenen Vergesellschaftungen; sein Selbstverhältnis ein Gesamtheuriger aller seiner Heurigen. – In dieses Labyrinth gestoßen, belauert uns an jeder Ecke ein jeweils anderer Minotaurus, und Ariadne bedarf eines unübersehbar großen Sortiments an Fäden, um von ihren Wünschen nach einem Helden, der sie von ihren Wünschen erlöst, geheilt zu werden.

 

6.

 

Was geschieht wirklich, wenn etwas geschieht? Wer handelt, wenn gehandelt wird, wer denkt, wenn gedacht wird? Diese Fragen wüßte ein mythisches Bewußtsein auf Anhieb zu beantworten; seine Antworten würden uns zwar Hören und Sehen verdrehen und unseren Verstand in surrealistische Kaskaden nichtstellbarer Fragen stürzen; aber da wir uns schützend belehrt haben, das Mythische als phantastisches Prachtkind, gezeugt von archaischer Weltangst und Weltverzauberung, anzusehen, wüßten wir nach kurzer hermeneutischer Behandlung auch alle mythischen Antworten als richtige auf richtige Fragen zurechtzuoperieren. Und dies, obwohl die bis an die Schwelle der Neuzeit ungebrochene Tradition einer durchgängig allegorischen Deutung des mythischen Bewußtseins ihre Unschuld bereits mit der Entdeckung des gesuchten Amerika jenseits eines schier endlosen Ozeans verlor, – das realmythische Bewußtsein der indianischen Welt lehrte das idealmythisch gewordene Bewußtsein der christlichen Europäer erschreckende Mores.

Daß Notwendigkeit sei in dem, was wirklich geschieht, nicht die eingebildete von Menschen, sondern die herausgebildete von Göttern, Heroen und Dämonen, eine immer schon vorgesetzte und daher zu befolgende Notwendigkeit, in der allerdings die Freiheit des Menschen als individuelle Gewißheit seiner selbst noch schlummert wie ein unbekannter Gott unter den einzig bekannten, ist der Vorzug und der Mangel des mythischen gegen das moderne Bewußtsein, das sich als rationales weiß und bekennt. Geschieht alles mit dem Segen oder Fluch von Wesen, die der Verfügung des Menschen spotten, kehren wir vorstellungsästhetisch in eine Welt ein und zurück, die andersartiger war als die unserer anderen Planeten noch heute ist. Das mythische Subjekt fürchtet und beschwört eine äußere Welt als Ort allgemeiner Mächte, die unversehens vor Ort und nach Belieben in ihm selbst erscheinen können; das moderne Subjekt, davon lange befreit, fürchtet mit wirklicher Gewißheit nur mehr die seiner inneren Welt entspringenden individuellen Ungeheuer; den äußeren seiner säkular gewordenen Welt weiß es sich chamäleonreif anzupassen; anders wären die bislang schändlichsten Kollektive der Menschheitsgeschichte, die politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, nicht lebensfähig gewesen. Und die Ruinen einer mythisch erfahrbaren Außen- und Innenwelt verscherbeln heute nur noch unsere modernen Nymphen und Gurus an den telegen gewordenen Quellen des astrologischen und esoterischen Hokuspokus.

 

7.

 

Vorurteilsfrei soll unsere Erkenntnis der Welt und des Menschen sein, – ein erlauchter Grundsatz der modernen Aufklärung, den freilich schon die antike bemühte, um sich in das Licht einer nicht mehr übertreffbaren Position und Perspektive auf Welt und Mensch zu rücken. Um die Eigenart des rational genannten gegen die Eigenart des mythisch genannten Bewußtsein zu bestimmen – und beide sind nur in ihrem logischen und geschichtlichen Gegeneinander möglich und wirklich – scheinen wir lediglich einer beide übergreifenden Begrifflichkeit und Rede zu bedürfen. Sollte jedoch das Vorurteil einer vollkommenen Vorurteilslosigkeit ein Gedankenmythos sein, den einst der Mann im Mond ersann, als der Verstand unserer Aufklärungsväter über den Tiefen der Geschichte zu schlafen beliebte, dann hätten wir vorerst noch folgendes Problem zu klären.

Wie können wir die höhere Abstraktheit oder Konkretheit unseres gegen das mythische Bewußtsein behaupten, wenn wir diese höchst abstrakt formulierten Attribute unseres Selbstes nicht von außen, also nicht in der Perspektive eines mythischen Bewußtseins, das auch ein neues von morgen sein könnte, erblicken können, weil dieses noch nicht oder nicht mehr so abstrakt beziehungsweise konkret zu denken beliebte wie das unsrige? Stellen wir uns ein Bewußtsein vor, das die Kräfte der Natur und des Geistes weder voneinander trennen noch in ihren sogenannten Abstraktionen, also in den Konkretionen ihrer Prinzipien, in den Gesetzen und Regeln der Wirkungen ihres rationalen Wesens erkennen konnte und wollte, dann steht für uns fest, daß unser Bewußtsein gegen das mythische ein wesentlich abstrakteres, ja ein Ausbund an Abstraktheit geworden sein muß. Aber zugleich müssen wir zugeben, daß das moderne Bewußtsein auch ein Ausbund an Konkretheit geworden ist, denn kein ding- und materiegläubigeres hat jemals diese Erde bevölkert. Teilen wir einem modernen Menschen mit, ein Bild könne man nicht berühren, wird er vor unseren Augen eine Fotografie zerreißen, um zugleich in unseren Augen die Anerkennung seiner vermeintlichen Widerlegung unserer Einsicht, die ihm mythologisch dünkt, abzulesen. Sehen wir reale Bäume, dann deren reale Bilder in uns, und unsere Augen verzehren weder Bäume noch Bilder, unser Gehirn nicht Lichtspäne und Bildchen; hören wir reale Klänge, dann deren reale Hörgestalten in uns; und weder unsere Ohren noch unsere Gehirne vertilgen Schälle und Schwingungen, um sie als Klänge zu speichern und zu verdauen.

 

8.

 

Ist die Fama einer sich selbst organisierenden Materie in den Rang einer modernen Gottheit unter anderem Namen aufgestiegen, dann verstehen wir auch den Mechanismus unserer gängigen Projektionen in die Welt des mythischen Bewußtseins. Dieses hätte die Mächte der Natur und des Geistes zu Göttern und Dämonen „personifiziert“, und vor allem die hellenischen Prachtkerle einer umwerfend religiösen und zugleich künstlerischen Phantasie – Homer und Hesiod samt Vorfahren – hätten sich als Virtuosen des frivolen Unternehmens betätigt, Götter mit Menschen und Menschen mit Göttern zu promiskuieren.

Wir unterstellen also, indem wir uns als naive säkulare Allegoristen betätigen, daß die Mächte und Elemente von Welt den Menschen des zweiten vorchristlichen Jahrtausends schon so zu- und umgänglich gewesen wären wie uns insgeheim immer schon da gewesenen modernen Menschen. Die damaligen wären nur erfreulich phantasievoller mit ihrer und insgeheim schon unserer Welt umgesprungen und daher auch fähig gewesen, die ästhetische Königsidee einer Personifizierung aller Mächte und Elemente auf die Bühne unserer Vorstellungsweisen von Welt zu bringen. Diese illusionäre Projektionspraxis unseres rationalen Bewußtseins beweist, daß wir unser rapides Entfernen von der Galaxie des mythischen Bewußtseins in nichtrationaler Weise erleben und ganz offensichtlich in dieser verhüllten Weise auch erleben sollen und müssen.

Vermutlich nicht vor dem fünften Jahrtausend vor Christus beginnt die animistische Menschheit, deren oberste Götter Tiergötter geworden waren, einen Gott zu ertragen, der sich aus dem Tierleib zu einem Menschenleib herausarbeitet. Dies war keine „Phantasieleistung“, wie unser modernes Bewußtsein phantasiert, das sich das archaische gern als schickes Urwunder a là Picasso und diesen als Restwunder eines Urkünstlers, der noch protzig und unmaskiert ohne jegliches Unbehagen an einer tabuisierenden Kultur wüten durfte, vorstellt, sondern eine neue Menschen- und Welterschaffung, – keine Menschheitsrevolution ohne Gottesrevolution, und daher umgekehrt diese zuerst. Und dies sollten wir bei Gelegenheit unseres Erwägens auch unserer heutigen Situation beherzigen.

Sogenannte Hochkulturen werden möglich, wenn Menschen sich nicht mehr als Arten von Tieren, sondern als auserwählte Stämme höherer Götter gegen barbarische Stämme niederer Götter begegnen, – als Menschentiere höherer Auftragsgesichte gegen Menschentiere niederer Gattungsvisionen. Noch die universalen Missionierungsaufträge der sogenannten Weltreligionen der heutigen modernen Welt wie auch die Völkermorde unserer Tage zehren von dieser ererbten Kulturstufe der bestimmten Religionen, und diese werden sowenig wie einst die animistischen dadurch verschwinden, daß ihnen ihr Dasein langweilig und verdrießlich wird. Auf dem Weg zur Selbsterkenntnis und Lebensdurchsetzung unseres universalen Wesens muß dem Verschwinden unseres Unwesen werdenden Vorwesens stets mit nicht nur sanfter Gewalt nachgeholfen werden.

 

9.

 

Welche Kunst wäre einer Menschheit angemessen, die sich anschickt, in eine techno-animistische Zivilisation einzutreten, und die zugleich dem wissenschaftlichen Mythos huldigt, im Anfang war der Urknall und am Ende werde auf Erden ein Endknall sein? Eine tröstende oder eine verzweifelte; eine liebende oder eine hassende; eine dionysisch orgiastische oder eine melancholisch apollinische letzter Schönheiten?

Die drahtlos vernetzte Computerwelt, die den Menschen von morgen nahtlos umgeben und durchdringen und daher wie eine natürliche Denaturierung einer nicht mehr natürlich wahrnehmbaren Welt erscheinen wird, führt auf die Spur eines hypermodernen Bewußtseins, das sich eines computergestützten Körpers in einer hyperkomplexen Welt bedienen wird. Und die Kosmologie eines knalligen Universums führt auf die Spur eines neuen Weltbewußtseins, in dem Geist und Natur wiederum untrennbar ineinander gefallen sind, wenn auch nun auf geradezu entgegengesetzte Weise als einst im Übergang von der animistischen zur anthropomorphen Götterepoche. Denn jetzt ist aus dem Lehm Poseidons eine rational elementarisierte, eine wahrhaft kosmische und daher supererstanfängliche Natur geworden, die jede Supernova zwingt, in ihrer Sterbenswut stets wieder neue Sternenwelten zu gebären, – jede ist eine auf Geheiß von Zeusvater Urknall weiterzeugende Sonnengöttin. Ist aber eine Sternenwelt mehr als der Geist und Wille von Göttern, die sich der Natur eines vermenschlichten Tiergottes entringen, um eine avantgarde Art von Menschheit in freier Schicksalsnotwendigkeit durch die Geschichte zu führen?

Wie der Geist Homers wußte, von welchem Gott welche der wunderlichen und herrlichen Gaben des Menschengeschlechtes kommen, so scheint der moderne Homer unserer kosmologischen Odyssee zu wissen, daß unverwunderlicherweise erstlich alles aus Sternenstaub gekommen, um ebenso unverwunderlicherweise letztlich wieder in Sternenstaub zurückzukehren, und daher erübrigten sich die üblichen Fragen ans Übrige, das dazwischen erscheine, – zutiefst kümmerlich, weil nullkosmologisch, und höchst vergänglich, weil ohne Chance, jemals kosmische Zeiten und Welten zu durchleben.

Ist hier ein neuer Vorstellungsraum und Bühnenreiseort für einen Nachfolger jenes verstorbenen Heroen der antiken Polis, dem diese ihre lokalen Gedächtnisfeste widmete, aus deren kultischer Darstellung das sich befreiende ästhetische Darstellen einer später sogenannten Tragödie hervorging? Als kollektive Verarbeitung der unmerklich langsam absterbenden Mythen, als Interagieren von Gottheit und Menschheit inmitten einer kathartisch staunenden Gemeinde, als Geburtstunde eines bühnenreifen Kultus, der eine Kunst des Darstellens von schicksalsgeführten und daher auch kunstnotwendigen Handlungen und Denkweisen ermöglichte?

 

10.

 

Tiere leben nicht als bewußte Erben ihrer Vorgenerationen, sie können daher nicht als Schuldner ihrer Vergangenheit belangt werden. Könnte eine künftige Art von Menschheit sich erschaffen, die sich dieses Nichtkönnen als vermeintlichen Endsieg über ein nicht mehr zu bewältigendes und daher nicht mehr fortführbares Gattungsgedächtnis eroberte? Die endlich im Augenblick lebte, von Geschichte gänzlich befreit, weil sie sich gänzlich neu, gänzlich aus eigenen Elementen und Mächten in der Kraft und Herrlichkeit eines unbegrenzten wissenschaftlichen Erfindungsgeistes erschaffen hätte?

Für die Hellenen noch der spätesten Zeit war es selbstverständlich, also ein Gebot des Mythos, noch die späteste Rache der Gottheit zu fürchten und abzuwehren. Suchen die Vergehen der Vorfahren das Leben der Nachfahren heim, schon weil Götter und Menschen desselben Geschlechtes sind, dann ist logischerweise noch ein aktueller Perserkrieg für Herodot eine Fortsetzung des Kampfes um Troja, um etwelche in der Urzeit begangene Verbrechen zu sühnen. Die Urerzählung der ursprünglichen Mythen macht alle aktuellen Handlungen der Hellenen, individuelle wie kollektive, nicht nur erzähl-, sondern überhaupt erst verwirklichungsfähig. Mitten in der Schlacht wird den Göttern und Heroen, die den kämpfenden Scharen sichtbar beistehen, kultisches Opfer und beseligter Dank erbracht.

Daß eine Menschheit existierte, die sich zu sich und ihrer Welt zuerst und zuletzt nur vorstellend und erzählend verhielt, – in einem labyrinthisch verflochtenen Gehege von Götter- und Heroengeschichten, an welche alle aktuellen Geschichten und Geschichtchen als maskiert mythische an- und weiterknüpften – ist noch für uns moderne Menschen, die längst über ein von aller Erzählung und Phantasie befreites Gesetzeswissen über die Welt in Recht, Politik, Natur und Geschichte verfügen, nicht unvertraut; denn bis zum heutigen Tage versuchen wir’s weiter so zu treiben, – noch der Mensch von heute möchte sich den Zusammenhang seiner modernen Vielweltenwelt am liebsten ganz ohne Gedankenbemühung von einem maskierten Helden, den er Dichter und Künstler tituliert, erzählen lassen. Die sprechende Illustrierte des Fernsehens ist der zerbrochene Spiegel Homers.

 

11.

 

Aber um die Tiefe des trennenden Abgrundes zu sehen, sollten wir bedenken, daß die Hellenen kein historisches Drama und noch weniger einen Biographienkult um große geschichtliche Personen kannten. Ist das Historische und Personelle noch Teil der kollektiven Selbstentfaltung mythischer Auserzählung, dann geschieht Geschichte nur in und durch dieses götterverwobene Gespinst und Gewebe, das alle Menschen umklärend verhüllt, und worin die großen Ereignisse und Menschen nicht in die Geschichte ein, sondern aus der Geschichte des Mythos, der freilich seinen Gläubigern als Geschichte und Vergehen noch verborgen bleibt, herausgehen. Daher werden alle Mythen und eingemytheten Ereignisse solange von bestallten Rhapsoden und später Mythographen und Dichtern zu idealtypischen Erzählungen fort- und umgestaltet, bis sie universal sprechend und ein vorbildliches kultisches Mythenpantheon für alle hellenischen Stämme geworden sind, um diese an einer menschheitsavantgarden Religion, die wir gut beraten sind, als einzige universale Kunstreligion anzuerkennen, teilhaben zu lassen. Alle erzählen mit, und keiner bemerkt es, – an der traumwandlerischen Art und Weise, mit der noch heute ein Gerücht von Ort zu Ort sich fortrankt, um zuletzt in der Gestalt verbürgter Wahrheit zu erscheinen, tragen wir einen säkularen Homunkulus des mythischen Bewußtseins der Antike immer noch mit uns herum.

Das große vereinigende Geflecht ihrer Erzählungen, Feste und Spiele hat die Hellenen bekanntlich nicht daran gehindert, ein eintausendjähriges Leid einander anzutun, von dem uns die neomythische Metapher mitteilt, es spotte jeder Beschreibung. Wenigstens diesbezüglich scheint daher der geschichtliche Abgrund, der unsere zweitausendjährige Geschichte nach Christus von der kaum eintausendjährigen Geschichte der Hellenen nach Homer und Hesiod trennt, keiner zu sein.

Auch das hellenische Auskristallisieren von Leben und Kultur zu idealen Redeweisen, zu idealtypisch auserzählten und ausgestalteten Mythen, Tempeln, Statuen, Epen, Dramen und Komödien, die allen Hellenen als vollendete erschienen, und die daher als klassische nur mehr zu tradieren und zu wiederholen seien, wie noch Aristoteles befand, um von Pausanias antiquarischer Trauer zu schweigen, finden wir in der Geschichte der abendländischen Künste wieder; wenn wir nur achtgeben und dieses „Wieder“ als das erkennen, was es ist: der neomythische Projektionsleim einer Erinnerungsweise an Geschichte, die in unwahr gewordener Einfalt versucht, das geschichtliche Handeln der Menschheit im Modus von wellender Mode als variierte Wiederholung vorgegebener Urmuster von Inhalten und Formen zu verstehen. Wäre die Geschichte nur die der Menschheit, dann allerdings wäre sie als Gewerbe inszenierter Wiederveranstaltung möglich und als bekömmliches Abwechslungsvarieté mit stets alten und doch zugleich neuen Hüten programmier- und beherrschbar. Lenaus biedermeierliche Und-so-weiter-Unsterblichkeit der traditionellen Künste hätte angesichts ihres Entwicklungsstandes im 19. Jahrhundert ebenso vergeblich um Aristoteles Klassik-Segen ersucht wie der von Marx erspähte Bürger der Zukunft, dessen Existenz als freischaffendes Polygenie durch ein sagenhaftes Klassenlos verbürgt zu sein schien.

Dennoch hält die Analogie bis zu ihrer genauen geschichtlichen Grenze: auch die vormodernen Künste des christlichen Abendlandes, die sich aus der ästhetischen Selbstsäkularisierung ihrer Mutterreligion in der ehernen Reihung Malerei-Musik rasch zu autonomen und universal schönen Mutterkünsten ebenso niedlich wie erhaben mauserten, webten und zauberten an einem Pantheon normierter Stile und Werke, die der Anerkennung aller europäischen Höfe, Aristokratien und Nationen, freilich unter oft heftigen Kämpfen um die Palme des besten aktuellen Kunstgeschmackes, gewiß sein durften. Doch wird uns verläßlich berichtet, daß auch diese Triumphgeschichte eines paneuropäischen Säkularmythos von wirklich, nicht bloß mittelalterlich freien Künsten die christlichen Dynastien und Nationen Europas nicht hinderte, vorchristlich miteinander umzugehen, – ein zweitausendjähriges Leid einander anzutun, das gleichfalls jeder Beschreibung spotte.

Fast unnötig zu erinnern, daß die europäische Analogie zur wissenschaftlichen Erforschung des antiken Mythos in spätantiker Zeit ebenfalls auffindbar ist. Solange die Musik an ihrem Autonomiemythos als freier Kunst noch zu wachsen und zu arbeiten hatte, gab es keinen historisierenden Kult und kein gelehrtes Parasitentum um die Aufführungsstätten und -ereignisse, auch nicht um die Werke und schon gar nicht um die Biographien von Komponisten und Musikern. Die Aftermythen von Musikhistorie und Musikwissenschaft beginnen erst nach Beethovens Tod in den Abgründen des 19. Jahrhunderts zu sprießen, – aus dem bis heute verdunkelten Ende des wirklichen Mythos von Musik, – das Wort Mythos einmal neumodern gebraucht: als nichtssagende Floskel, weil vorhin bereits aussagende vorgeführt wurden.

 

13.

 

Um die Grundfrage aller Paradoxien des modernen Lebens im Medium von Kunst zu erfassen und darzustellen: – „was für ein Ich?“ – sind alle Stoffe und Motive des antiken Mythos bis heute eine unverzichtbare und eine nicht zu Ende umzubearbeitende Projektionsfläche geblieben. Trotz ihrer vollständigen Travestierung und Profanierung schon in römischer Zeit, der seit dem 19. Jahrhundert die Depravierungen von Operette, Musical, Comic, Varieté, Film, Videoclip, Kabarett, Schwank, Klamauk und Computerspiel folgten, bemüht sich daher auch die ihre Postmoderne erreichte habende moderne Kunst und Literatur, die Mythen des mythischen Bewußtseins – ursprünglichste Gestaltung eines kunstfähigen Schicksals menschlichen Handelns als zugleich göttlichen – mit der Soufflierkraft neomythischer Erinnerung als unauslöschliche Fackel universaler Kunstphantasie in die Zukunft weiterzutragen.

Während in der klassischen Tragödie das allgemeine Selbstbewußtsein alias Götterwirken über das individuelle Handeln des Helden triumphiert, der Held in seiner Trauer oder Resignation die Einseitigkeit seines Wollens und Tuns büßt, triumphiert in der klassischen Komödie das individuelle Selbstbewußtsein – dessen Freiheit und Humor – über einen wesenlos gewordenen Zustand von Welt, in der alles Substantielle substanzlos geworden ist: Demokratie, Religion und Kunst werden daher in ihren sogenannten „Auswüchsen“ von des Aristophanes Witzen aufgespießt, nicht aber der wahre Götterglaube, nicht die wahre Philosophie, nicht die wahre Sittlichkeit eines Athen, das einst größer gewesen und dessen realisiertes Ideal vielleicht wiederkehren könnte, werden in Frage gestellt, – im Gegensatz zur negativ-kritischen Lustigkeit des modernen Kabaretts, das meist nur den säkularen Nihilismus des kleinen Mannes von heute zynisch und orientierungslos wiederkäut.

Heute sind wir über die Zeitalter aktualfähiger Tragödien und Komödien, die eine moderne Welt und Gesellschaft repräsentieren könnten, und auch über die universalen Tragikomödien eines Kleist und Hofmannsthal endgültig hinaus; und dies bedeutet nicht nur, daß uns die „klassischen“ Gestaltungen heroisch triumphierender Künste über das aktuelle Leben vergällt und unmöglich geworden sind, es bedeutet viel mehr noch, daß wir andere Menschen geworden sind und im Begriff stehen, grundlegend andere zu werden.

 

14.

 

Darauf reagiert die moderne Kunst traditioneller Provenienz – also Architektur, Skulptur, Malerei, Musik, Tanz und Literatur – bekanntlich mit einer Entgrenzung aller ihrer obsolet gewordenen Grenzen; damit zugleich auf ihren eigenen aktuellen geschichtlichen Begriffsstand, demzugehorsam die traditionellen Künste die universale Geschichte ihrer möglichen normativen Selbstgesetzgebungen im Rang universaler Stile und Werke zu Ende durchlaufen haben. Auf eine merkwürdige Weise, die unsere äußerste Reflexionskraft herausfordert, entsprechen sie daher in ihrem modernen und postmodernen Entgrenzungszustand einem Weltzustand, der sich durch die Sachtragödien der „Tragödien“ der Moderne, – von Kapitalismus und Globalisierung, von egalitärer Demokratie und Rechtswaltung, von Kommunismus und Faschismus, von industrieller und nun technologischer Technik und Wissenschaft definiert; aber auch die Reverse dieser Sachwelten und -tragödien, die Milliarden Menschen zum Schicksal und Verhängnis wurden und werden, die Sachkomödien der „Komödien“ unserer Unterhaltungs- und Sportwelten mit ihren unersetzlichen Göttern und Heroen gehören unverzichtbar zu diesem Panoptikum unserer Welt, das sich in seiner ebenso profanen wie phantastischen Realität dem mythischen Blick der Hellenen nicht als glückliches Eldorado menschlicher Erfindung und Arbeit, sondern als Übermut und Wahntraum einer abnorm gewordenen Götterwelt darbieten würde. Und Aristophanes würde natürlich ungetrübten Blickes behaupten, allein das Panoptikum des modernen Films in all seinen Arten und Unarten sei vielleicht nochmals imstande, diese kollosalparadoxe Welt, die selbst eine undarstellbare Tragödie und Komödie geworden sei, in eine kunstverwandte Perspektive zu rücken und auf eine kunstverwandte Bühne zu heben. Erwiderten wir ihm, daß diese ganze hyperkomplexe Welt trotz allem immer noch mitten durch das Herz und Denken von Menschen gehe, die sich Besitzer eines Ichs zu sein rühmen oder beklagen, eines Ichs, das nun nicht mehr wisse, wie es ihm dabei ergehe, wohl oder übel, würde er vermutlich augenblicks in einen unserer Kabarettisten regredieren, um wie ein Gott zu verschwinden und Maskierte für sich antworten zu lassen.

 

15.

 

Die ihrer selbst bewußte Entgrenzungskunst der modernen Welt hört und interpretiert das Verhältnis der Gelehrtenmeinung Burckhardts zur Ästhetenmeinung Nietzsches über unser Verhältnis zum antiken Erbe notwendigerweise mit anderen Ohren und Prämissen als die Generation der letzten Epoche der vormodernen Welt, die mit Goethe und Schiller auch mit den „Alten“ nochmals auf verwandtem Fuße lebte. Burckhardt wandelt noch im Geist Winckelmanns, wenn er hypostasiert, das mythische Bewußtsein habe in der antiken Tragödie seine vollständige Höhe und Tiefe, die vollkommene Endgestalt seiner ihm möglichen mythischen Freiheit erreicht; und Nietzsche, dies zunächst bestätigend, wandelt in den Spuren des noch heftig verehrten Wagner, wenn er die antike Tragödie als eine höchstmögliche – ebenso dionysische wie apollinische – Überwindung der Individuation, die als Urgrund alles menschlichen Übels zu betrachten sei, begreift; erst die Versager Sokrates und Euripides hätten diese schöne Einheit des besten Lebens und der besten Kunst zerstört, und prompt sei die Kultur der Hellenen von den Banausen Roms kassiert worden.

Vergessen wir nicht: rechtzeitig vor Mozarts Geburtsjahr verkündet Winckelmann seiner Epoche, ihre Kunst könne wieder groß und unnachahmlich werden, wenn sie die der Hellenen nachahme. Von diesem Traum ist hundert Jahre später, nachdem nicht ein Klassizismus, sondern eine wirkliche Klassik der Musik unter dem Decknamen „Wiener Klassik“ weltgeschichtliche Wirklichkeit geworden war, nicht mehr die Rede, – nachdem sich zugleich Nietzsche von Wagners Versuch, für eine kommende, erstmals ständelose Gesellschaft eine volksmythische Kunst im Rang eines „Gesamtkunstwerkes“ zu schaffen, dispensiert hatte. Geschweige weitere hundert Jahre später, nachdem das sterbende alte Europa einen Zweiten Weltkrieg vom Zaun der verschwundenen alten Götter gebrochen hatte. Ein Epochensturz von 1750 bis 1945, der manchen verträumten Geschichteseher zur Behauptung verführt, wir Modernen wären von Goethes Epoche mittlerweile entfernter in die Zukunft unterwegs, als der Olympier in Weimar von der Epoche Homers.

Jedenfalls setzte mit Nietzsche jene moderne Arbeit am Mythos ein, die sich als postchristliche nur mehr der säkularen Argumente der neuzeitlichen Vernunft, die sie zugleich nihilistisch unterminiert, zu bedienen versucht. Eine Aufklärung mithin, die sich über ihre Illuminierungen stets zugleich und gründlichst zu desillusionieren versucht, – Vorstufe und Initiantin jener modernen Selbstentgrenzungen in Leben und Kunst, die erstmals auszuloten der „Romantik“ aufgetragen waren. Sie kreisen bereits um das zentrale Innenproblem der Moderne: was für ein Ich? Oder in der Sprache Nietzsches: was für eine Individuation?

 

16.

 

Daß die dritte Auflage (1886) von Nietzsches „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ (1871) nicht mehr unter diesem idyllischen Titel erscheint, sondern den Lebenspessimismus der Griechen wie auch eine Selbstkritik des Autors mit in den Titel aufnimmt, wurde zum Menetekel aller modernen Entwürfe eines modernen Lebens und einer modernen Kunst, die sich als endgültig tragfähige auszugeben versuchten: sie hielten meist nur von heute bis morgen, um übermorgen durch Selbstkritik zertrümmert oder von Neuanfängen beseitigt zu werden; und selbstverständlich konnten und können sie bis heute überaus erfolgreich und papiersättigend in die ubiquitäre Beliebigkeitsübung eines grandios selbstverständlichen Kulturgeschwätzes eingehen, das sich nicht mehr als solches erkennt. Dies nennt die moderne Wissenschaftssprache, die Nietzsche mit Haß und Spott geißeln würde: – ‚immer neue Kontingenzerfahrungen machen müssen’, ohne befähigt zu sein, die Erfahrung universaler Nichtigkeit in und aus ihren Gründen und Absichten „verarbeiten“ oder gar in olympischer Idealitätsweise verklären zu können.

Kaum hatten Beethoven, Hegel und Goethe das Zeitliche ungesegnet, weil mit dem Segen einer vergangenen Epoche hinter sich gelassen, taten sich die Abgründe der neuen Epoche auf, und neuartige Denker und Künstler überstürzten sich geradezu in der Leidenschaft, revolutionäre Konzepte für Leben und Kunst, für Gesellschaft und Geschichte in eine neue Welt zu werfen. Auf die Projektionsfläche einer „Kunst der Griechen“, die sich eine „klassische“ Tradition deutscher Lande aus dem antiken Mythos herausgezogen und angeschaffen hatte, projizierte Nietzsche am ungeniertesten die radikal säkularen Antagonismen des seiner Aufgeklärtheit nicht froh gewordenen Menschen der industriellen Bürgerepoche, der vorerst noch in einer kaiserlich-königlichen fortzuleben hatte.

Und da Nietzsche sowohl Zertrümmerer des Alten wie auch Erbauer eines Neuen sein wollte, mußte er den säkularen Antagonismus in seiner existentiellen Individualwurzel ergreifen: Sinn versus Unsinn im Großen wie im Kleinen, in der Geschichte wie im Individuum. Und die Projektion ist wie immer eine reale: Nietzsche exportiert sich als aktuellen homo antireligiosus in die Antike, um sich nach erfolgreicher Umwendung daselbst als Anderen seiner Selbst, als homo modernus neoreligiosus in die Gegenwart zurück zu importieren.

Zwei Operationen und Investitionen sind nötig, um dieses Export-Import-Unternehmen erfolgreich durchzuführen: die moderne Wissenschaft muß in der Perspektive des aktuellen Künstlers und seiner Kunst, und die aktuelle Kunst – Wagners Weihe-Unternehmen wird noch heftig verehrt – in der Perspektive des neuen Lebens erblickt werden; und kaum nötig zu ergänzen, daß das neue Leben nur in der Perspektive aktueller Kunst wahrhaft und wirklich zu erblicken und zu begründen ist. Aus diesem ehernen Kreislauf, der beim Genius aktueller Kunst anfängt und bei diesem aufhört, läuft uns die berüchtigte Formel entgegen: das Dasein der Welt ist nur noch ästhetisch zu rechtfertigen. Dieser Ursatz von geradezu mosaischer Dignität für jede Kunstreligion, die als säkulare von Bestand sein möchte, findet Nietzsche in der Kunst der Griechen, in deren Tragödie vorab, bereits „vorgebildet“ , – vorausgesetzt es findet sich einer, der sie richtig und wirklich und wahrhaftig zu deuten und selbstverständlich „zeitlos“ zu aktualisieren versteht. Wir sehen das wohlfeile Funktionieren unseres neomythischen Erinnerns: sagt es: „wie geschrieben steht“, meint es: „wie ich gelesen habe“; der Erinnernde hat unterlassen, sich der Art und Weise seines Erinnerns näher zu erinnern.

Dionysos und Apollon fangen Nietzsche auf, der sich auf der Suche nach Erlösung von der Last seiner Lebenserfahrung als säkular gewordenes Individuum in die Antike fallen läßt. Der ältere Gott, dem die Hellenen ihre dunkle Seite zugespiegelt hätten, teilt ihm sogleich ungeniert das radikale Heilmittel für den in ein entsetzliches Dasein geratenen Menschen mit; das beste: nicht geboren zu sein; das zweitbeste: bald zu sterben. Folglich entgrenze Dich, um Deines Ichs im Rausch des vorindividuellen Grundes alles Lebens ledig zu werden. Es war Deine Schuld, aus dieser bergenden Höhle ins Ungeborgene herauszuschlüpfen. – Doch der jüngere Gott, in dessen Wirken die Hellenen ihre dunkle Seite durch eine hellere überspiegelt hätten, erhebt Einspruch: das Individuum ist doch auch etwas und nicht nichts; seine festen Maße und Grenzen seien zu wahren und zu bilden, ewige Vergöttlichung lohne dem Schönen und Guten, der tapfer und siegreich mit diesem Erbgut junger Götter umgehe, der seinen einmaligen Hain bewahre für den Genius seines Schicksals, weil er den Molochschlünden des vorindividuellen Lebens zu widerstehen wisse.

Sofort sterben oder nie sterben; Leben oder Wissen; Menschgott oder Tiergott: schwerlich wird sich jemals ein kräftigerer und umfassenderer Antagonismus finden lassen für ein menschliches Kollektiv, in dessen Mitte die Gottheit, für eine Kunst, in deren Mitte Religion, für eine Religion, die nur als Kunst sich vergemeinden kann. Nietzsche, der nicht umhin konnte, Wagners berauschende Musik in die Antike mitgenommen zu haben, und der nun in der Musik der Choreuten gar schon einen „Wechsel von Harmonie und Dissonanz“ zu vernehmen glaubt, in dem sich der Urschmerz im Urgrund des Urlebens symbolisch ausdrücke, entscheidet sich bekanntlich fürs Gefolge des Dionysos, an dem in apollinischer Vision auch die verwandelt folgenden Hellenen teilgenommen hätten. Verweigerung aber den rationalistischen Nachtretern des Apollon: dem raffinierten Psychologen und Realisten Euripides und dem undionysischen Dialektiker Sokrates; dieser habe den Frevel zu verantworten, durch optimistisches Wissenschaften den Untergang eines Lebens als Kunst und einer Kunst als Leben herbeigeführt zu haben.

Nietzsches Entscheidungen und Visionen bedürfen heute weder eines dionysischen noch eines apollinischen Kommentars; nach dem Besuch einer Disco und einem Uraufführungskonzert mit aktueller Neuer Kunstmusik wüßte der letzte dionysische Gelehrte Bescheid: wir mußten jede Hoffnung auf eine neue Vereinigung von Dionysos und Apollon im Dienst einer musikalisch triumphalen Individuation des Menschen verabschieden.

 

18.

 

Die neuzeitliche Erforschung des antiken Mythos und seiner Bewußtseinsgeschichte hat nach einer Jahrhunderte währenden Irrfahrt einsehen müssen, daß Homer als Endredakteur vieler Vorredakteure unwiderruflich anzunehmen ist. Weder hielt die Annahme eines bloßen Fiktivautors und Sammelnamens für ein eigentlich anzunehmendes Autorenkollektiv noch die Annahme eines Urautors und Erstdichters, dessen Urfassungen der Ilias und Odyssee durch zerstrittene und unfähige Nachfolger verdorben worden wären.

Wie erklärt sich diese Irrfahrt unseres Verstehens von Mythos und mythischem Bewußtsein? Nach dem Ende des christlich-theologischen terminus-ad-quem-Denkens von Geschichte und geschichtlichen Entwicklungen gewinnt in der Neuzeit ein terminus-a-quo-Denken von Geschichte die Oberhand; und diese überaus sichtbare, weil empirisch geführte Hand führt im 19. Jahrhundert zum Sieg des Historismus, der den Segen der Geschichte scheinbar unwiderruflich genießt. In jener Perspektive fungiert Homer und sein Epos als Vorbereiter und Vorvertrauter der Geschichte von Moses und Christus; in dieser Perspektive muß Homer, notabene ein Mensch wie Du und Ich, als originär schaffender Primat der hellenischen Geschichte, als Originalgenie seiner Religions- und Kulturschöpfung verstanden und gedeutet werden.

Unser Geheimnis, Geschichte alternativ vorzustellen, ist also keines: der Theologe muß die Gottmenschen seiner Religion als Sinnziele und regulative Prinzipien der von ihm gedeuteten Geschichte ansetzen; und ebenso muß der Humanist und sein Enkel Historiker den von der Renaissance gezeugten und vom säkularen Bürgertum vollendeten Großmenschen namens Originalgenie als höchstes Sinnziel der von ihm gedeuteten Geschichte ansetzen. So weit, so schlecht; beide Paradigmen scheinen in sich schlüssig, wäre da nicht die Geschichte selbst, die mit dem Unfug dieser Paradigmen wenig zu schaffen hat.

Bereits mit nur mehr mit schwacher Verwunderung registrieren wir daher, daß bis heute ein angeblich bei Hegel anzunehmendes lineares teleologisches Denken und Erinnern von Geschichte als lukratives Schreckgespenst für den gläubigen Historiker seiner Geschichte fungiert; und ebenso bis heute erfreut sich der von säkular verfahrenden historischen Wissenschaften betriebene Kult an das Authentische von Ursprungsquellen und Urtexten, von Uroriginalen und Urhaftem jeder Art und Unart einer allgemeinen Anerkennung als blendend vermarktbarer Aberglaube.

Nun ist aber auch heute nicht zu leugnen, daß das Geschichte-Verstehen und -Handeln des mythischen Bewußtseins für uns keines ist: denn im festlichen Ritus, der das mythische Ursprungsgeschehen wiederholt, ist Zeit und Vergangenheit gelöscht; die Heilkraft, Weisheit und Liebe des Mythos in Gestalt seiner Götter- und Heroengeschichten ist im gemeinsam vergenossenen Kultus so gegenwärtig wie die am Himmel stehende Sonne.

Wäre somit der terminus a quo unseres historischen Bewußtseins eine ebensolche Wahrheit von Geschichte, dann geschähe sie ab sofort im Geschehen von Hier und Jetzt, in jedem säkularen Inhalt jedes Augenblicks, denn potentiell jeder rückt in den Rang eines historischen auf, und dessen rastlose Dokumentation leistet unser Weltbewußtsein mittlerweile auch beflissen, um sie den Nachgeborenen andernorts und andererzeit als grenzenlos wiederholbare zu überliefern, – wenn auch mit schalem Geschmack; denn im Augenblick des Festes wird alles Schnee von gestern nicht nur geworden, sondern immer schon gewesen sein. Offensichtlich ist es Unfug, die unmittelbare Gestalt von Geschichte in den Rang eines Mythos zu erheben. Was aber bleibt uns anderes übrig, wenn wir von a quo zu a quo geführt werden, von einer „Eigenständigkeit“ zur nächsten?

Kollabiert daher unser historisches Erinnern von Geschichte in ein säkulares Damals, bei dem wir uns durch die Fetische eines urhaft Biographischen und urhaft Sinnlichen zu erbauen versuchen, muß das aktuelle Vergegenwärtigen von Gegenwart qua Geschichte aktuell gelebt werden: wenn geschieht, was geschieht, ist das mediale Filmauge eines universalen Fernsehens mit dabei. Und das Auge der Gottheit hat sich abwesend gemacht, sei es aus Erschrecken über unser menschheitliches Weltauge, sei es aus Güte und Barmherzigkeit über spielende Kinder, die nicht vorzeitig bei der Einübung gedächtnisloser Spiele gestört werden sollen. Wie wir im medialen Bilde durch sprechende Menschen unsere neue Welt erfahren, so aus dem Heiligenstädter Testament, daß ein so großer Mensch eine so große Musik erschaffen mußte; denn es muß immer ein Mensch sein, der zu uns spricht, und wehe, diese Maske fiele zu Boden.

 

19.

 

Ungewiß lange, aber nicht eher als zwei Jahrhunderte vor Homer, am Ende der minoisch-mykenischen Epoche, wird eine phönizische Schrift landläufig, die auch den Hellenen die virtuose Leichtigkeit eröffnet, Konsonanten und Vokale als wirklich entsprechende Schriftzeichen verbindlich aufzuzeichnen, und die ebenso virtuos lesbaren Zeichen wiederum in wirklich entsprechende Sprachlaute zurückzuverwandeln. Eine wahrhaft ungeheuerliche Entdeckung, für die ein ebenso ungeheurer Preis zu bezahlen war: der orale Rhapsode der vorhomerischen Epoche, des Schreibens und Lesens unbedürftig und befähigt, jede noch so kleine aktuelle Lokalgeschichte in spontaner Darbietung dem Kreis der mythenbekränzt göttlichen einzufügen, mußte das Zeitliche seiner Traditionsbildung versargen lassen.

Homer leitet die Selbstverabschiedung des originären Mythos durch dessen literarische Kodifizierung und verschriftende Aufklärung ein, die kaum zwei Jahrhunderte später sogar noch über das Mythenverarbeiten der von uns Künste genannten hellenischen Kulte hinausgehen und zur ersten nicht mehr erzählenden und nicht mehr mythisch religiösen Menschheitsaufklärung führen sollte. Und deren Stapellauf mit sogenannten Naturphilosophen, Vorsokratikern, ersten Historikern, Gesetzgebern, Demokraten, Sophisten und wirklichen Philosophen beschloß bekanntlich Platons Idee – als eine wiederum redende Gestalt des Mythos, nun aber als Logos; und es ist unzweifelhaft überliefert, daß sich ihr Verkünder mitunter heftig unwohl fühlte bei dem unumgehbar gewordenen Unternehmen, das Reden der göttlichen Idee einer toten Buchstabenwelt, einer nicht redenden und nicht mehr veränderbaren Zeichenwelt einschreiben zu müssen.

Unmöglich, in die Welt des oralen Rhapsoden, seiner mythischen Gemeinde und ihrer ekstatischen und orgiastischen Begeisterung zurückzukehren; denn nur ein schwaches und homunkulös geschrumpftes Nachbild geben die Konzerte genannten Veranstaltungen unserer Rock- und Popstars, die als designierte Alleinerzieher einer von ewiger Pubertät genarrten Jugend durch unsere Lande ziehen. Wie soll man in eine Person schlüpfen, die ganz persona, ganz Körper des durch Stimme, Gebärde, Tanz und Wort imaginierten Gottes geworden, und der seiner erwartungsidenten Gemeinde die aktuelle Welt aus authentischem Uranfang darstellt und erklärt, die ganze Welt des Jenseits mit der ganzen Welt des Diesseits untrennbar verknüpft? Dieser Barde ist mehr als einer, er organisiert nicht nur seine Polis, er legitimiert sie im Angesicht zuschauender Götter und Heroen. Er ist alles in einem: Seher und Dichter, Tänzer und Schauspieler, Priester und Politiker, Tabuisierer und Enttabuisierer, kurz: der zum letztenmal mit Substanz gefüllte Prominente, in den es sich daher noch lohnte, ungescheut hineinzuschlüpfen.

Aber weil wir noch heute zu denken belieben, es müsse ein phantastischer Trip sein, an unterhaltungsselige Götter zu glauben und in deren Dunstkreisen zu verschweben, halten wir mittlerweile sogar als Gemeinde in Millionenstärke jede noch so erfüllte Fernseh-Show durch: Wetten, daß…?

 

20.

 

Hier müssen Seitenblicke nach Israel in den Tagen Homers erlaubt sein, jedenfalls für jene, die auch noch am Beginn des 21. Jahrhunderts nach Christus des Lesens und Schreibens kundig sind: sie bleiben für immer Erben einer antimythischen Zunft von Schriftgelehrten, auch wenn sie neuerdings in kleingebauten Ländern beschlossen haben sollten, nur mehr kleingeistige Zeitungen zu lesen.

Mit nicht geringer Mühe entbildet und entringt sich der jüdische Gott jener Jahrhunderte seiner Verwandtschaft mit den aktuellen Hochgöttern der Epoche, dem Marduk Babylons, dem Assur Assyriens, dem El Kanaans, dem Amun Re Ägyptens, um nur diese einer damals das zweite Zentrum der Menschheitsgeschichte beherrschenden Götterphalanx zu nennen, – die Spuren ihrer mythischen Erzähl- und Verstehensweisen sind noch heute im Alten und Neuen Testament aufzuspüren. Dieser postmythisch werdende Jahwe gründet eine schriftversessene Religion und inthronisiert sich im Bewußtsein der Seinen als der Eine und Einzige; und weil er keine anderen Götter neben sich duldet, werden alle anderen intolerant und erbarmungslos zu Götzen degradiert; und auch ihr Verschwinden von der Bühne der Geschichte weiß er zügig voranzutreiben und durchzusetzen; spätestens im 7. Jahrhundert nach Christus haben sich ihre Kulte in verschwindende Reservate des west-oströmischen und der angrenzenden Reiche zurückgezogen. Und kein Sterblicher hierorts weiß damals, daß sich nicht nur jenseits des großen Ozeans ein Fortleben der Götter ereignet, dem noch ein weiteres Jahrtausend gegönnt wird.

Fern der hellenischen Heimat ist also auch an dieser östlichen Kulturfront die Schrift, dieser merkwürdige Kampfgenosse neuer Gottheiten und Menschen, maßgeblich daran beteiligt, die mythengezeugte Götterwelt zu besiegen. In der hellenischen Aufklärung führt das Schlüsselsystem Schrift zur Übertrumpfung des Erzählens durch Beschreiben und Argumentieren; der Götterzeugen durch historische Augenzeugen; der Götterphantasie durch das Denken in Begriffen, die für abnorm logische und abstrakte Wesenheiten bürgen sollen; von Treu und Glauben durch hemmungslose Kritik; und alle Mythen werden zuletzt auf trockene Urfassungen einer Spezialbegabung fürs Erfinden unterhaltsamer Lügengeschichten reduziert.

In der jüdischen Revolution noch ärger: ein Gott, der von und über sich keine Geschichten mehr erzählen und ertragen will, weil er sich in einer unsichtbar gewordenen Erhabenheit, obwohl noch ohne Macht und globales Ansehen, zum Herrn der Geschichte an der Front eines auserwählten Volkes ausruft und damit alle zyklischen Bilder von Geschichte, die das mythische Bewußtsein genarrt hatten, verabschiedet. Und während die Hellenen nicht nur wußten, sondern auch erblickten, wie ihre Götter aussahen, prächtig und herrlich, triumphal und überschön, ist der ferne Gott Israels von karger Transzendenz, von wüstenhafter Erhabenheit und Einsamkeit. Ich bin, der Ich bin; Ich bin, der ich sein werde, Ich bin, der ich gewesen sein werde: dieses nur mehr sprechende und niederzuschreibende Angebot konnte keinem der vielen Stammeskollektive einer bunt und lebendig und multimedial regierenden Götterwelt imponieren.

Solche Kargheit und zugleich Universalität des Anspruchs muß mit einem Geheimnis der Schrift und dem, wovon sie unmittelbar Zeugnis gibt: der Sprache, zusammenhängen, ein Geheimnis, das selbst Platon verborgen blieb, und das daher auch wir nicht ausplaudern sollten. Soviel aber scheint klar zu sein, Religionen, die sich ursächlich der Schrift bedienen, um einem Wortgott zu dienen, der ihre Identität durch Jahrtausende – auch gegen die Identitäten anderer Schriftreligionen – bewahrt, müssen mit ihren Testamenten sagen: Gott nach Diktat verstorben oder verreist oder beides; denn anders können sie ihre Kraft, sein unsichtbares und unaussprechliches Wirken zugänglich zu halten, nicht bewähren.

Und in der Tat und Wirklichkeit von heute: wie reden wir denn, und worüber zuletzt und zuerst? Ist uns ein Wortgott in die Wiege gelegt, den wir verraten müssen, weil wir seinem neuen Einsprechen in unser altes Aussprechen noch nicht folgen können?

 

21.

 

Es war das rationale Wunder von Gutenbergs Erfindung einer druckfähigen und massenhaft vervielfältigbaren Schrift, die auch den heiligen Schriften der christlichen Religion ein säkulares Schicksal eröffnete. Was daher an Spuren und Bezeugungen eines mythischen Bewußtsein in das jüdische und christliche eingegangen war, mußte an dessen Verschriftlichung belangbar werden, wenn die neuzeitliche Aufklärung, die antike ohne Maß und Grenze überbietend, das aktuelle christliche Bewußtsein, unterdessen konfessionell gespalten und reflexiv geworden, mit den Ansprüchen einer autonom gewordenen Vernunft konfrontierte.

Eine Konfrontation, deren Austragung zur aktuellen Pattstellung in der gegenwärtigen modernen Welt führte, weil das Pouvoir ihres aktuellen Vernunftverständnisses unfähig ist, ein sowohl vernünftiges wie übervernünftiges Verhältnis einzugehen mit dem aktuellen Gottesverständnis des religiösen Bewußtseins. Und weil die Selbstbegründungen der Vernunft und die Offenbarungsbegründungen der christlichen Religion mitten im säkularen Bewußtsein des modernen Menschen disharmonieren, glaubt dieser seltsame Sproß der Geschichte, nicht wissend, ob er sich glücklich oder unglücklich nennen soll, nach freiem Belieben wählen zu können, was ihm zu wählen beliebt. Er ahnt: entweder ist alles profan oder sakral oder beides zugleich geworden: wenn man nur wüßte wie. Dieses Grundparadox im Ausdrucksraffer: Logos und Mythos stehen unversöhnt und fremd gegeneinander, weil Logos noch nicht begriffen gelebt und Mythos noch nicht zu Ende durchlebt worden ist.

Aber das moderne Bewußtsein sollte wissen und weiß es insgeheim auch, daß sein Handeln und Denken in und als endgültig finaler Geschichte durch den jüdisch-christlichen Gott und dessen neuartiges Einsprechen in das Aussprechen der Geschichte ermöglicht wurde. Als versucht postchristliches agiert es daher irregehend in der Versuchung, das weitere Aussprechen und Aushandeln der Geschichte als selbstvergöttlichte Instanz, als Götze redivivus, gestalten zu wollen. Diesen polytheistischen Atheismus büßt die moderne Welt fürs erste mit der Schuld von Taten, die sie „die Verbrechen des 20. Jahrhunderts“ zu nennen pflegt. Einer bösen Zeit, nicht einem Absolut-Bösen der Instanz selbst wird der schwarze Peter eines scheinbar selbstermächtigbaren Geschichtehandelns und -verstehens durch eine aufgeklärte Menschheit in die Schuhe geschoben, als wäre Gott Chronos noch unter uns und durch Menschenopfer en masse zu sättigen. Die Kriege der säkularen Mächte um das Reich der Welt sind die Fortsetzung der Kriege der religiösen Mächte um die Verwaltung des Reich Gottes mit denselben Mitteln. Ein Programmpunkt des 21. Jahrhunderts.

 

22.

 

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert schien eine neue vernunftgeborene Welt und Menschheit nach einer neuen Mythologie zu verlangen. ‚Eine neue Mythologie’ lautete die aktuelle Losung der Denker und Dichter: Herder, Hegel, Schelling, Goethe, Friedrich Schlegel und viele andere hielten Ausschau nach einer nie noch gewesenen Divina commedia oder tragica, nach einer neuen Universalpoesie und -kunst, in der alle Wissenschaften, alle Religion und Philosophie aufgehen sollten, um der neuen Menschheitsvernunft durch nationale Popular-Epen und -Feten eine unwiderstehliche Durchschlagskraft bei der Beseitigung der alten Welt und Menschheit zu verschaffen.

In den Salons und Stuben der Dichter und Denker, in den Seminaren und Cafés der Gelehrten und Künstler wurde der „Mythos der Moderne“ einer Vernunftreligion geboren, deren Programm anfangs noch wahrlich umfassend und grundgründlich ein neues mythopoetisches Bewußtsein konzipierte, das in harmonischer Verbindung ein zugleich neues politisches, moralisches, sittliches, ästhetisches, philosophisches und religiöses werden sollte.

Wer die neuen revolutionären Ideen massenbewegend mache wolle, der müsse sie religiös-mythisch verpacken, denn nur mit dem Polytheismus der Einbildungskraft könne das Volk intelligent und der Gelehrte populär und verständlich werde, hatte der junge Hegel nach gewiß euphorischer Aussprache mit seinen Freunden auf geduldiges Papier niedergeschrieben. Und zur selben Stunde (1796) schrieb Herder in seinem „Apfel der Verjüngung“ über die Paramythen des neuen Mythos, daß sie frei und variabel gestaltbar sein müssten, um ihrer jeweiligen Zeit als typisches Symbol dienen zu können. Man forciere daher das Studium der Mythologie der Alten, um in der neuen Kunst als Erfinder fündig zu werden. Und Schelling schrieb 1802 – Beethoven komponierte soeben in der Opusdekade 30 und skizzierte an seiner Eroica – die „Zeit des wahren Evangeliums oder Versöhnung der Welt mit Gott“ sei nahe herangekommen, – die Suche nach einem neuen Homeros schien ihm von heiliger opportunitas. Reihum fiel der Kunst die Aufgabe zu, die „sittliche Totalität des Volkes“ zu regenerieren, die Philosophie abzulösen, die Wissenschaften poetisch einzumythen, kurz: der Schluß- und Anfangsstrich einer Totalemanzipation durch eine universale Kunst selbstbewußter Vernunft sollte gezogen werden. Wir sehen: Ein Zeitalter untersucht sich selbst angesichts eines geschichtliches Bruchs und verordnet sich eine mutige Totaltherapie mit weithergeholten Heilmitteln.

Daß bei der Ausführung des grandiosen Konzepts nach 1800 ein Posten nach dem anderen über Bord geworfen werden mußte, hatte schmerzhaft stichhältige Gründe. Zum einen sollte die schon damals als überfüllt empfundene Vielfalt des modernen Lebens nur durch die universalmythische Kraft der neuen Phantasie erfaßt werden können; zum anderen wurde jedoch ebenso schmerzhaft empfunden, daß die Werke der Kunst immer nur in unzureichender Weise fähig sein können, die neue enorme Vielfalt darzustellen. Weil die Systeme der Künste, des Politischen, der Wissenschaften, überhaupt der ganzen modernen Welt nicht aufhörten, ihrer gewonnenen Autonomie gehorchend und folgend, eigen- und selbständig ihre Welten weiter- und näherhin auszugestalten, fand sich bald keine Form von Kunst und Kunstwerk mehr ein, die dieser Vielfalt den krönenden mythischen Deckel hätte aufsetzen können. Und endgültig sei das Konzept auseinandergebrochen, beklagt Habermas kritisch, als Nietzsche die totale Ästhetisierung des neuen mythopoetischen Menschheitsprogramms forderte und festschrieb, indem er die Tempel seiner neuen dionysischen Kunst von jeder Politik und Moral gesäubert wissen wollte. Schon damals sei die ästhetische Moderne, so der aufklärungskritisch gläubige Philosoph der Moderne, in ihre Postmoderne eingetreten; ein Befund, der bestätigt, was wir gesehen haben: der Philosoph von Zarathustras Gnaden begehrte noch nachträglich, sich vom Gang der hellenischen Kultur in ihre Aufklärung davonstehlen zu dürfen.

 

23.

 

Zweihundert Jahre nach dem revolutionären Menschheits- und Epochenbruch muß die aktuelle moderne Kunst, die jetzt auch eine postmoderne genannt werden kann, weil sie ihre ewige vulgo bleibende Modernität nicht mehr überwinden soll und kann, die Rückholung und Wiederaufbereitung der antiken Basalmythen sowohl als Ausdruck des modernen Bewußtseins einer gebrochenen säkularen Zeit wie auch als Ausdruck ihrer eigenen – radikal individualisierten – Selbstentgrenzung gestalten. Dies geschieht im Kontrafakt gegen dominierende Imperien von Unterhaltungskünsten und -medien, in dem von Ferne noch ein letztes Echo der antiken Gegenwelten von Tragödie und Komödie nachklingt. Und im Kontrafakt gegen die christliche und jede andere sogenannte Weltreligion von heute, weil der ästhetische Mythos der Moderne seine jeweils aktuelle Kunst zwingt, wenn sie ihrem Aufklärungsauftrag treu bleibt, sich als Antimythos gegen den Logos des religiösen Mythos zu profilieren.

Sie ist daher so frei, mit jeder anderen Art von Freiheit – religiöser wie nichtreligiöser – neomythisch spielen zu dürfen und zu müssen. In den Mythen der Antike, aber auch aller anderen sogenannt „archaischen“ Mythen erkennt sich daher der moderne Künstler und Mensch oder dasjenige Wesen, das die moderne Kunst für den modernen Menschen hält, nachhaltiger und nachträglicher als in den Erzählungen der christlichen Heilsgeschichte oder anderer Heilsreligionen. Aber auch dies ist notwendig und heilsam, weil der homo modernus, wie wir gesehen haben, in ein Interregnum gefallen ist, das ihn zwingt, in seine ganz neuen Zukünfte voraus- und in seine ganz alten Vergangenheiten zurückzuschauen. Gänzlich janusköpfig vergleicht er sein säkular gewordenes Wesen und Sein mit seiner ganzen Gattungs-Geschichte und -Geschichtlichkeit, und er vernimmt darin keine harmlosen Fragen mehr an das Geschick seines Wesens.

Der Rhapsode der modernen Entgrenzungskunst spielt aber neomythisch auch mit seiner eigenen Freiheit als Künstler wie keiner seiner Vorgänger; nicht nur in und mit jeder einzelnen Kunst, auch in der allseitigen Vermischung aller Künste darf und muß er alle Grenzen aller Gattungen und Arten, aller Stile und Techniken, aller Materialien und Formen immerfort überschreiten, um seine befreite Individualität als wirklich freie gewinnen und sättigen zu können. Auch die Grenze in das Land des Kitsches, das nicht vor dem 19. Jahrhundert bewußtseinsreal werden konnte, und das noch im 20. Jahrhundert vom orthodox modernen Künstler durch einen unüberschreitbaren Rubikon getrennt und tabuisiert war, ist daher unterdessen zur Erkundung und reflektierten Darstellung freigegeben worden.

Daß die Wiederaufbereitung der antiken Basalmythen sowohl als Ausdruck des modernen Bewußtseins wie seiner entgrenzten Kunst nicht Spiel bleibt, also nicht der Domäne von Unterhaltung und Sport anheimfällt, dafür sorgt die augenscheinliche Übereinstimmung unserer modernen mit der Unversöhntheit des mythischen Bewußtseins. Die Urgeschichten der ersten Rhapsoden bleiben die gattungsgeschichtlich verfügte Projektionsfläche für unsere modernen, global gewordenen Geschichten um Krieg und Frieden, Rettung der Erde, Kampf der Geschlechter, Überleben der Menschheit; und daß nicht Unversöhntheit das letzte und einzige Wort bleibt, dafür sorgt der Mechanismus des Erinnerns: wir kühlen die Hitze unserer Probleme und Leiden ab, wenn wir sie auf einen wie zeitlos gebliebenen Mythos vergleichend projizieren: wir leiden und irren nicht als erste, und als frei erinnerungsfähige vielleicht auch kälter und furchtloser als unsere Vorleidenden

Eine Kunst dieser enormierten Freiheit muß das Extreme wagen: die Totalgroteske als Weihespiel, das Weihespiel als Totalgroteske, – im Auftrag des ratlos rastlosen Geistes einer immermodernen Zeit. In jedem Augenblick, in jedem Handlungsschritt, in jedem geäußerten Laut läßt sie Tragödie und Komödie ineinander stürzen, um ganz nahe am modernen Menschen seiner innersten Frage nach dem Wie eines Ichs und einer Welt, in der entweder alles profan oder alles sakral oder beides zugleich, aber wie? geworden ist, nachzuspüren; und um alles Gehörte und Gesehene, das nur irgendwie eine Antwort sein könnte, zu einer unmaskierten Mimesis und Aisthesis zu zwingen.

 

24.

 

Kunst kommt von Mythos; zuerst und zuletzt kommt Kunst von Mythos; dazwischen auch von Menschen, von Schönheit, von Nachahmung der Natur, von Genie, von Können, von Gesellschaft, von eigener Geschichte, von Unterhaltung und Markt; doch anders zuerst und anders zuletzt kommt Kunst von Mythos.

 

 

Erschienen in: Ariadne im Garn. Ria nackt, eine Racheoper von Renald Deppe, Bodo Hell und Othmar Schmiderer. Triton, Wien 2002; S. 97-119.